{"id":486,"date":"2019-02-21T08:56:27","date_gmt":"2019-02-21T07:56:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tkms.ch\/?p=486"},"modified":"2019-02-21T17:58:27","modified_gmt":"2019-02-21T16:58:27","slug":"rede-von-urs-schwager-jt-2018-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tkms.ch\/index.php\/2019\/02\/21\/rede-von-urs-schwager-jt-2018-19\/","title":{"rendered":"Rede von Urs Schwager (JT 2018\/19)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die nachfolgende Rede hielt Urs Schwager anl\u00e4sslich der TKMS-Jahrestagung 2018\/19 am 13. Februar 2019 an der Kantonsschule Romanshorn. Mit freundlicher Erlaubnis ver\u00f6ffentlichen wir sie an dieser Stelle in ihrer G\u00e4nze.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Sie haben f\u00fcr die heutige Tagung das Thema \u201eStellung des Gymnasiums im Kanton Thurgau\u201c gesetzt. Dazu habe ich im Grusswort in der Einladungsbrosch\u00fcre schon einiges ausgef\u00fchrt, insbesondere was die Situation in unserem Kanton anbelangt. Und Anne Varenne hat in ihrem Text Aspekte beleuchtet, die im Bildungsbericht Schweiz aus vor allem bildungs\u00f6konomischer Sicht thematisiert wurden. Lassen Sie mich jetzt den Fokus kurz auf die Stellung des Gymnasiums in der Gesellschaft generell richten.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bundesrat hat einen Bericht vorgestellt, in dem die Folgen der demografischen Entwicklung f\u00fcr den Bildungsbereich beschrieben werden. Danach ist die Nachfrage nach Personen mit einer Hochschulbildung enorm hoch. So hoch, dass sie nur zu zwei Dritteln mit inl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften gedeckt werden kann (TA vom 31. Januar 2019). Der hohe Akademisierungsgrad beunruhigt Bildungs\u00f6konomen nicht, solange die Hochschulen nicht am Arbeitsmarkt vorbei ausbilden. Von Seiten der Wirtschaft und des Gewerbeverbandes wird dagegen gleich gewarnt, ja nicht den universit\u00e4ren Hochschulbereich weiter auszubauen. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes, sorgt sich, dass das heute ausgeglichene Verh\u00e4ltnis der Studierendenzahlen zu einseitig zugunsten der Universit\u00e4ten kippen k\u00f6nnte. Der Bericht des Bundesrates widerspricht dem zwar, aber Sie sehen: nur am Arbeitsmarkt ausgerichtete Hochschulbildung z\u00e4hlt.  <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Orientieren\nsich Gymnasium und Universit\u00e4t nicht an diesem Ziel, werden sie\nkritisiert. Dabei haben beide Institutionen von ihrer Geschichte her\neine andere Aufgabe. Das Gymnasium mit seiner Betonung der alten\nSprachen orientierte sich an einem bestimmten Ideal des Menschseins,\nwie es in der klassischen Antike formuliert wurde. Es zielte somit\nauf die Ausbildung einer bestimmten Haltung. Die Idee der Universit\u00e4t\ngeht ebenfalls auf die Antike zur\u00fcck. Hauptaufgabe der Universit\u00e4t\nist die Forschung, also die Produktion neuen Wissens. Zun\u00e4chst ganz\nunabh\u00e4ngig von Erfordernissen der Wirtschaft. Die Universit\u00e4t\nerzeugt nicht nur neues Wissen, sie reflektiert auch dar\u00fcber. Sie\ngeht kritisch mit Wissen um. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das Gymnasium.\nUnsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler m\u00fcssen lernen, mit Wissen,\nWissenserwerb und Nichtwissen umzugehen. Am Gymnasium wie an der\nUniversit\u00e4t macht man die Erfahrung, wie gross das Weltwissen ist\nund wie wenig wir davon individuell bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Je mehr wir\nwissen, wird uns bewusst, wie wenig wir im Grunde wissen. Dabei\nd\u00fcrfen wir uns auch nicht der Illusion hingeben, dass sich das\nNichtwissen mit Google \/ Wikipedia einfach in Wissen verwandeln\nl\u00e4sst. Im Netz geistern mittlerweile die krudesten Unwahrheiten\nherum. Es herrscht nicht nur eine Informations-, sondern auch eine\nMeinungsflut, gepaart mit Hasstiraden und mit dem Argument der\nMeinungsfreiheit legitimiert. Und es fehlt an Verfahren, wie\nMeinungen in Wissen \u00fcberf\u00fchrt werden k\u00f6nnen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nGymnasium wird der Sch\u00fcler und die Sch\u00fclerin mit den\nnaturwissenschaftlichen und kulturellen Grundlagen der Welt\nkonfrontiert. Sie sollen sich diese zu eigen machen. Sie treten also\nin gewisse Distanz zu ihrer lebensweltlichen, alltagspraktischen\nErfahrung. Sie werden mit dem wissenschaftlichen und kulturellen\nBlick auf die Welt konfrontiert und m\u00fcssen sich diese durch\nintellektuelle Anstrengung aneignen. Sowohl am Gymnasium wie an der\nUniversit\u00e4t wird dieser Umgang mit der Welt einge\u00fcbt. Wissen ist\nhier kein Selbstzweck, sondern ein notwendiges Mittel, um sich\nzutreffende Vorstellungen \u00fcber die Welt aufzubauen. Es geht nicht um\nabfragbares Wissen, sondern darum, die Regeln, Strukturen und Gesetze\nder aussersubjektiven Welt in einem je individuellen Prozess in die\neigene Erfahrungswelt zu integrieren. Ziel ist es, begr\u00fcndbare und\nargumentationsf\u00e4hige Ansichten \u00fcber die Welt zu erlangen. Dies\nbedingt die Ausbildung einer Fragehaltung, die Ausbildung einer\nKultur der Diskussion und des Nachdenkens. Die schwierigste geistige\nLeistung eines Gymnasiasten besteht also nicht prim\u00e4r darin den\nStoff zu lernen, sondern darin, die unterschiedlichen Stoffe\nverschiedener F\u00e4cher einschliesslich der Methoden der\nErkenntnisgewinnung in seiner Vorstellungswelt sinnvoll miteinander\nzu verkn\u00fcpfen. Doch genau dieser Prozess ist es, der es dem Sch\u00fcler\nund der Sch\u00fclerin erlaubt, sich in einer sich st\u00e4ndig \u00e4ndernden\nWelt zurechtzufinden und zu positionieren. Es ist diese einge\u00fcbte\ngeistige Auseinandersetzung mit der Welt und mit sich selbst, die es\nihm und ihr erlaubt, diesen Prozess immer wieder neu und unter\nanderen Bedingungen zu vollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch\nwie gesagt: Gymnasium und Universit\u00e4t stehen zunehmend unter dem\nDruck, sich \u00f6konomischen Interessen anzupassen. Doch dem k\u00f6nnen wir\nnur entgegenhalten, dass Bildung nicht vor allem eine Voraussetzung\nund ein Selektionsmechanismus f\u00fcr den Eintritt in den Arbeitsmarkt\nist, sondern eine Bedingung f\u00fcr Kultur. Dazu bedarf es der\nAusbildung der Kommunikationsf\u00e4higkeit, es bedarf des Einblicks in\nverschiedene Sprachen und Kulturen, in verschiedene Lebensentw\u00fcrfe\nund Lebensweisen. Deshalb besch\u00e4ftigen sich unsere Sch\u00fclerinnen und\nSch\u00fcler mit Literatur in verschiedenen Sprachen. Sie erfahren, wie\ndie Welt aus naturwissenschaftlicher Perspektive zu verstehen ist.\nSie erfahren, wie unsere Gesellschaft zu dem geworden ist, wie sie\nist und sie bekommen ein Bewusstsein f\u00fcr historische Entwicklungen,\nEinblick in andere Welten und andere Epochen. Diese aufgekl\u00e4rte\nKultur, in der wir unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einf\u00fchren, ist\nbedroht. Wir erleben gegenw\u00e4rtig ihre Erosion. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb m\u00fcssen wir ihr Sorge tragen. Schaffen wird den Rahmen und den Raum f\u00fcr Emanzipationsprozesse durch eine Kultur des Fragens, des Nachdenkens und des Infragestellens. Geben wir den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Chance, m\u00fcndig zu werden. Ergreifen m\u00fcssen sie diese selbst.  <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Verwendete Quellen<\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Hermann Giesecke: Wozu ist das Gymnasium (heute) da?<\/li><li>Michael Hampe: Die Dritte Aufkl\u00e4rung<\/li><\/ul>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-file\"><a href=\"https:\/\/www.tkms.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Bildungsprognose_Tagesanzeiger_zu_Referat_US.pdf\">Artikel zum Thema aus dem Tagesanzeiger<\/a><a href=\"https:\/\/www.tkms.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Bildungsprognose_Tagesanzeiger_zu_Referat_US.pdf\" class=\"wp-block-file__button\" download>Herunterladen<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gymnasium und Universit\u00e4t stehen zunehmend unter dem Druck, sich \u00f6konomischen Interessen anzupassen. Doch dem k\u00f6nnen wir nur entgegenhalten, dass Bildung nicht vor allem eine Voraussetzung und ein Selektionsmechanismus f\u00fcr den Eintritt in den Arbeitsmarkt ist, sondern eine Bedingung f\u00fcr Kultur. Dazu bedarf es der Ausbildung der Kommunikationsf\u00e4higkeit, es bedarf des Einblicks in verschiedene Sprachen und Kulturen, in verschiedene Lebensentw\u00fcrfe und Lebensweisen. Deshalb besch\u00e4ftigen sich unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit Literatur in verschiedenen Sprachen. Sie erfahren, wie die Welt aus naturwissenschaftlicher Perspektive zu verstehen ist. Sie erfahren, wie unsere Gesellschaft zu dem geworden ist, wie sie ist und sie bekommen ein Bewusstsein f\u00fcr historische Entwicklungen, Einblick in andere Welten und andere Epochen. Diese aufgekl\u00e4rte Kultur, in der wir unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einf\u00fchren, ist bedroht. 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